Vor einem neuen Krieg? Grenzkonflikte zwischen Israel und dem Libanon drohen zu eskalieren.

Wiebke Diehl erläutert den historischen Kontext der aktuellen Auseinandersetzung zwischen Israel und dem Libanon und zeigt Israels Motivation der Unterstüzung der jihadistischen Milizen im Syrien-Krieg auf.

Artikel von Wiebke Diehl in der Jungen Welt

 

Drei große und mehrere »kleinere« Invasionen hat die israelische Armee gegen den Libanon durchgeführt und den Süden des Landes zwei Jahrzehnte lang besetzt. Mindestens 100 Luftangriffe hat sie allein im Rahmen des Syrien-Kriegs gegen die libanesische Hisbollah geflogen, den Luftraum des Nachbarlandes hat sie unzählige Male verletzt. Die Drohungen, die in den letzten Jahrzehnten von israelischer Regierungsseite gegen den Libanon ausgestoßen wurden, lassen sich kaum beziffern.

Im September 2017 hielt die israelische Armee an der Grenze zum Libanon ihr größtes Militärmanöver seit 20 Jahren ab. Die Simulation eines neuerlichen Krieges gegen das Nachbarland soll eineinhalb Jahre lang geplant worden sein, Zehntausende Soldaten waren im Einsatz. Die Übung muss als Teil der neuen Strategie Tel Avivs verstanden werden, das seine Angriffe auf syrisches Territorium in den letzten Monaten deutlich verstärkte und die Eröffnung einer zweiten Front in Syrien, bei der es unter anderem an den Golanhöhen mit der Hisbollah und auch iranischen Kräften konfrontiert wäre, offensichtlich mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln verhindern will. Doch ein neuer militärischer Konflikt mit der libanesischen Bewegung scheint so nur eine Frage der Zeit zu sein.

Nur wenig Beachtung fand in hiesigen Medien ein seit Jahren schwelender Seegrenzstreit zwischen Israel und dem Libanon. Im östlichen Mittelmeer wurden 2010 bedeutende Erdgasvorräte entdeckt, die meisten Felder wurden zwischen Israel, dem Libanon, der Türkei und Zypern aufgeteilt. Ein Teil der Vorkommen befindet sich allerdings vor der Küste des Gazastreifens. Diese Ressourcen zu fördern wird den Palästinensern jedoch von Israel verwehrt. Ein Gebiet von 860 Quadratkilometern bleibt zudem zwischen Israel und dem Libanon umstritten, da beide Länder den genauen Verlauf ihrer gemeinsamen Grenze nie festgelegt haben. Als die libanesische Regierung im Februar 2018 die Ende 2017 vergebenen Bohrlizenzen an ein aus dem französischen Konzern Total, der italienischen ENI und der russischen Novatek bestehendes Konsortium bestätigte, »warnte« der israelische Außenminister Avigdor Lieberman alle beteiligten Akteure, da sich die Vergabe der Lizenzen auch auf das zwischen beiden Ländern umstrittene Fördergebiet »Block neun« bezog.

Die israelische Regierung hat ihrerseits schon vor Jahren unter anderem US-Firmen mit der Erschließung der Gasfelder »Leviathan« und »Tamar« beauftragt. Auf »Tamar« wird bereits gearbeitet, »Leviathan« soll ab 2019 ausgebeutet werden. Das Gas soll weit mehr als den Eigenbedarf Israels decken und Tel Aviv wirtschaftlich enorm stärken. So könnte Israel einen Großteil der russischen Erdgasexporte nach Europa verdrängen. In Beirut wird befürchtet, dass Israel insbesondere über das 2013 entdeckte Gasfeld »Karish«, das in unmittelbarer Nähe zu den libanesischen Gasvorkommen liegt, mittels Horizontalbohrungen auch libanesisches Gas anzapfen könnte.

Die Vergabe von Lizenzen durch die libanesische Regierung ist auch als Reaktion auf die Unterzeichnung einer Absichtserklärung zwischen Tel Aviv, Athen, Rom und Nikosia von Ende 2017 zu verstehen. Für den stolzen Preis von etwa fünf Milliarden Euro soll demnach eine Gaspipeline aus Israel über Zypern und Griechenland bis nach Italien gebaut werden. Sie wäre die längste Unterwasserpipeline der Welt, die Umsetzung gilt technisch aber als äußerst kompliziert. Israel und Zypern loten zeitgleich Optionen aus, Gas über Ägypten zu transportieren. In jedem Fall muss die Unterzeichnung der Absichtserklärung aus der Sicht des Libanons, der seine immense Schuldenlast mit Hilfe der Gasvorkommen reduzieren will, als Bedrohung empfunden werden. Weder wirtschaftlich noch technisch wäre der kleine Zedernstaat, der bisher 96 Prozent seines Energiebedarfs durch Importe decken muss, dem israelischen Nachbarn gewachsen.

Auch an der Landgrenze ist der Streit zwischen Israel und dem Libanon in vollem Gange. So hat Beirut dem Nachbarn vorgeworfen, im Zuge der Erneuerung der israelischen Grenzsicherungsanlagen teilweise auf libanesischem Staatsgebiet zu bauen. Die sieben Meter hohe Mauer orientiere sich am Verlauf der »Blauen Linie«, also der von der UNO 2000 festgelegten Demarkationslinie für den Abzug der israelischen Truppen. Die libanesische Regierung fordert hingegen, dass sich Tel Aviv dem Völkerrecht entsprechend an der »Grünen Linie« orientiert. Das ist die Waffenstillstandslinie von 1949, die der vom Völkerbund festgelegten Mandatslinie von 1923 entspricht. Sollte durch den Mauerbau tatsächlich zum Libanon gehöriges Land abgetrennt und Israel zugeschlagen werden, könnte das einen neuerlichen Krieg zwischen Israel und dem Libanon respektive der Hisbollah auslösen, die sich bis heute in erster Linie als Widerstandsbewegung gegen die israelische Besatzung versteht.

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